Köppel kritisiert schärfstens Alt-Kanzler Schröders Gazprom-Mandat – und übersieht doch Einiges
Vor dem Hintergrund des neuen kalten Krieges und den Zuspitzungen um Ukraine und NorthStream kocht aktuell wieder das Aufsichtsrats-Mandat des Alt-Kanzlers Gerhard Schröder bei Gazprom hoch. Dabei ist Schröder seit 2005 für Gazprom in Aufsichtsratsmandaten tätig.
Schröder nahm im Dezember 2005, also bloß sehr kurze Zeit nach seiner Abwahl vom 18. September 2005 das Aufsichtsratsmandat in der von ihm gemeinsam mit seinem Freund Putin aufgegleisten North Stream AG an.
Putin gab damals mit Freude bekannt, daß Schröder als westlicher Alt-Kanzler im Aufsichtsrat von North Stream AG (zu 51% in Besitz von Gazprom) Einsitz nimmt, weil schließlich Polen und die baltischen Staaten dem Projekt skeptisch gegenüber-standen. (1)
Nun erhält Schröder halt direkt bei der Muttergesellschaft Gazprom direkt ein Aufsichtsratsmandat.
Darüber empört sich lauthals Roger Köppel.
„Ich teile 100%tig die Kritik meiner deutschen Kollegen an diesen Bezügen.
Schröder hat hier ganz klar das Gefühl für das verloren, was sich schickt, was anständig ist. Das geht einfach nicht, daß Sie ehemaliger Kanzler Deutschlands auf diese offensichtliche Art und Weise von einem anderen Staat kaufen lassen. Das geht einfach nicht! Das ist eine Form von Korruption, die hier gelebt wird. Das ist brandgefährlich.
Das darf es nicht geben. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, Sie haben einen Bundeskanzler, eine Regierungsperson – und Sie haben eben viele in der Politik, die so agieren, die machen irgendetwas, die machen diesem Staat, jener Firma mal einen Gefallen und dann verspricht man ihnen, ja, wenn Du mir da hilfst, dann kann ich Dir dann nach Deinem Rücktritt einen super Job verschaffen bei uns in irgendeinem staatlichen Aufsichtsrat oder in unserer Firma.
Ich meine, wenn Sie das zulassen, dann öffnen Sie Tür und Tor für die Korruption in der Politik. Das sind dann gekaufte Politiker. Und es macht doch überhaupt keinen Unterschied, ob ein Politiker schon während seiner Amtsausführung von Rußland bezahlt wird oder ob ihm Putin sagt, ich zahl´s dir dann, wenn Du zurückgetreten bist. Mach jetzt einfach das, was für uns da gut und wichtig ist.“
Köppel unterstellt Schröder also, dem Deutschland zu verdanken hat, daß Deutschland im unehrenhaften und völkerrechtswidrigen Irak-Krieg nicht mitgemacht hat und der gute Beziehungen zu Rußland gepflegt hat (ganz anders als Nachfolgerin Merkel), daß das schon vorher abgemacht war, daß Schröder also die guten deutsch-russischen Beziehungen quasi bloß gepflegt habe, um später zu kassieren.
Das ist gelinde gesagt, sehr weit her-phantasiert.
Köppel entrüstet sich weiter über einen „Absturz in die Korruption“ und darüber, daß Schröder „zu sehr dem Mammon verfallen“ sei.
Sie dürfen doch als Staatschef, als Regierungschef, auch als ehemaliger Regierungschef nicht einmal den Anschein, die Möglichkeit, die plausible Interpretation oder Deutungsmöglichkeit eröffnen, daß Sie käuflich sind.
Köppel sagt weiter, er verstehe nicht, warum Putin das macht, daß er Schröder einkauft. Nochmal – und das vergißt Köppel oder weiß es nicht: Schröder war schon – zum Teil über Schweizer Gesellschaften in der Schweiz im Kanton Zug – aber auch direkt nach der Abwahl ganz offiziell „eingekauft“ und im Verwaltungsrat von Northstream AG.
Köppel vergißt den Hintergrund (oder weiß ihn nicht)
Köppel scheint auch hier eine Lücke zu haben.
Er vergißt den Hintergrund oder weiß nicht um ihn. Bzw. wie es dazu kam, daß Schröder in Verwaltungsratsmandate von Gazprom-Firmen kam:
North Stream (Anteile zu 51% bei Gazprom wie bereits erwähnt) ist ein gemeinsames Projekt von Schröder und Putin.
Schröder wurde im November 2005 angefragt, für die Nord Stream AG tätig zu werden und lehnte zuerst ab, weil er sich nicht langfristig binden wollte, was Wladimir Putin irritierte
Aber Schröder hätte Putin nicht im Stich lassen wollen, als dieser ihn aufgrund der „europäischen Bedeutung des Projekts“ überzeugt habe, den Aufsichtsratsvorsitz bei der Nord Stream AG zu übernehmen.
Schröder sollte die Interessen der Aktionäre vertreten. Nachdem der Gazprom-Vorstandsvorsitzende und enge Putin-Vertraute Alexej Miller am 9. Dezember 2005 die Vereinbarung mit Schröder bekanntgegeben hatte, sei Putin damit sofort an die Öffentlichkeit gegangen, weil es für ihn ein Erfolg war, einen deutschen Ex-Bundeskanzler für das bei Polen und Balten umstrittene Pipelineprojekt Nord Stream gewonnen zu haben. (2)
Fall Leuthard
Dann fragt sich, warum Köppel nicht mehr gegen diese schlimme „Korruption“ Zitat Köppel) in der Schweiz vorgeht und diese auch bei anderer Gelegenheit (mehr) anprangert. Wobei er zugegebenermaßen erwähnt: „Wir haben das in der Schweiz auch.“ Und dies ebenfalls scharf kritisiert.
Apropos:
Warum kritisiert er bei nächster Gelegenheit nicht einmal genauso laut, daß Alt-Bundesrätin Leuthard bei Coop im Aufsichtsrat drin-hockt und dann später auch noch sich ihre politische Tätigkeit verdanken läßt mit einem weiteren Aufsichtsratsmandat beim Fleischverarbeiter Bell, notabene eine Coop-Tochter.
Leider international üblich
Was Köppel zudem leider nicht erwähnt:
Wie international verbreitet es leider ist, daß Ex-Staatschefs, Ex-Präsidenten und ähnlich hohe politische Amtsträger sich ihre politische Tätigkeit vergolden lassen, z. B. Clinton oder Obama, die dann für Reden (beispielsweise) gebucht werden und überhöhte Rede-Honorare erhalten.
Dies als Kritik zu den ansonsten meist sehr sehenswerten / hörenswerten Videos von „Köppel täglich“ (neudeutsch „Köppel daily“).
Ein sehr guter „service public“ und eine Produktivität, die bewunderswert ist und an die wohl nicht auch bloß ein einziger SRG-Mitarbeiter trotz der vielen Milliarden an Zwangsgebühren, den höchsten der Welt, herankommt.
Video zur Kritik (ab zirka Minute 9 geht es um Alt-Kanzler Schröder):
Quellen, Weiterführendes
(1)
welt.de/wirtschaft/article207771/Gazprom-Job-250-000-Euro-Jahresgehalt-fuer-Gerhard-Schroeder.html
(2)
Gerhard Schröder: Entscheidungen: Mein Leben in der Politik. Hoffmann und Campe, 2013
spiegel.de/wirtschaft/ostsee-pipeline-schroeder-uebernimmt-fuehrungsjob-bei-gazprom-konsortium-a-389493.html
Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder: Die Biographie^. Deutsche-Verlags-Anstalt, München 2015, S. 897.