Ringier: Blick hat sich vom „harten Boulevard-Journalismus“ verabschiedet

Ringier: Blick hat sich vom „harten Boulevard-Journalismus“ verabschiedet

Im Falle das aktuellen Urteils in der Causa Spieß-Hegglin/Ringier kündigte der Verlag an, das Urteil weiterzuziehen.

Was aber interessanter ist, ist, daß Ringier in der Medienmitteilung zum Fall offiziell mitteilt, der Blick habe sich vom „harten Boulevard“-Journalismus verabschiedet.

„Die Berichterstattung über die Ereignisse rund um die ehemalige Kantonsrätin Jolanda Spieß-Hegglin und die Landammann-Feier 2014 zählt nicht zu den publizistischen Sternstunden dieses Landes und des Blicks. so Ringier reumütig.

Weiter: Die Art und Weise, wie vor 10 Jahren über die Ereignisse berichtet wurde, ist Ausdruck eines harten Boulevardstils, den Blick längst nicht mehr praktiziert, und das ist gut so.

Schon vor Jahren als der Blick handzahm kuschelnd über den umstrittenen Bundesrat Alain Berset berichtete schrieb Lukas Hässig auf dem Portal Inside-Paradeplatz.ch: „Boulevard war mal“.

"Boulevard war mal", Lukas Hässig, InsideParadeplatz.ch zur handzahmen Blick-Berichterstattung
Boulevard war mal„, Lukas Hässig, InsideParadeplatz.ch zur handzahmen Blick-Berichterstattung

Zudem empörte sich Michael Ringier, Sprößling der Familie und Verwaltungsratspräsident der Ringier Holding AG, schon vor Jahren darüber, daß Hässig den Journalistenpreis gewonnen habe. Sein Portal „Inside Paradeplatz“ sei zu boulevardmäßig, nicht seriös genug, so seine Kritik ausgerechnet aus dem Hause Ringier. Das war 2017.

Man rieb sich die Augen. Der führende Mann der Familie des Blattes, das sogar schon einmal den Papst der noch lebte für tot erklärt hatte und das auch sonst im Ruf eines Revolverblattes steht, hebt auf einmal die Moralzeigefinger in die Höhe und kritisiert, ein anderer schreibe, was andere nur vermuten. Dies sei kein Journalismus.

Die Kritik von Michael Ringier an der Vergabe des Journalistenpreises kam somit einer weiteren Auszeichnung gleich.

Denn wenn DAS eigentliche Boulevardblatt der Schweiz den Autor eines Portals wegen zuviel Boulevard kritisiert und eine Führungsperson von dort sich derart lauthals darüber empört, dann spricht dies Bände.

Notabene: Später stritt Michael Ringier mit Lukas Hässig weil ihm Kommentare auf dem Portal IP nicht gefielen. Das Ganze endete in einem Vergleich, wie das Portal persönlich.ch berichtete.

Und 2021 erklärte Blick offiziell, daß die Publikation seriös werden wolle.

Pikant an der Dünnhäutigkeit von Michael Ringier:
Die Redaktionen der „Blick“-Gruppe erhielten Mitte 2021 selbst neue Richtlinien für einen sauberen Journalismus, der keine imageschädigenden und kostspieligen Klagen mehr nach sich zieht.

Die neuen Regeln sind zwar umfassend, weisen aber an entscheidenden Stellen Lücken auf. Darüber berichtete damals Nick Lüthi in der Medienwoche.

Blicks offizielle Verabschiedung vom Boulevard

So oder so: Blick scheint sich nun nochmals offiziell bestätigt vom Boulevard verabschiedet zu haben und will offenbar ganz ganz seriös sein.

Ob der Spagat gelingt? Ob´s die Leser mögen?
Wohl kaum.
Denn ein bißchen Boulevard aber gleichzeitg irgendwie bieder seriös, das geht nicht. Man kann auch nicht halb schwanger, halb nicht schwanger sein.

Oder anders: Entweder macht man richtigen Boulevard oder man macht ein Blatt, das nicht im Boulevardstil erscheint. Beides ein bißchen, das geht nicht. Mann kann nicht Boulevardstil betreiben und eigentlich NZZ sein wollen oder umgekehrt.

Remo Maßat

Weiterführendes, Quellen

a) Siehe Verlinkungen im Bericht

b) www.ringier.com/de/ein-fataler-schlag-fuer-den-freien-journalismus/

(Beitragsbild: MM Ringier in Causa Spieß-Hegglin)
(Bildschirmfotoausriß unten: IP)

admin

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