Prigoschin: Statt Strafverfahren wegen Meuterei / Aufruhr ins Exil
Die Strafverfolgung gegen den Wagner-Chef Prigoschin werde eingestellt, so Dmitri Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten. Jewgeni Prigoschin werde nach Weißrußland gehen, der Putschversuch gegen die Führung des russischen Militärs ist beendet.
Der russische Staatspräsident Putin hatte zuvor in einer Rede an die Nationöffentlich verkündet, Prigoschin werde strafverfolgt wegen Aufruhr / Meuterei. „Das ist ein Stoß in den Rücken unseres Landes und unseres Volkes“, sagte der russische Präsident Wladimir Putin weiter.
Nun bestand für letzteren natürlich keine Möglichkeit mehr nachzugeben ohne eine Hintertür für ihn als Person als Ausweg.
Exil und im Gegenzug Straf-Freiheit
Nachdem nun bekanntgemacht wurde, daß Prigoschin nach Weißrußland auswandern werde, erklären sich wohl möglicherweise die verschiedenen Telefonate von Putin mit ausländischen Staatschefs wie der der Türkei, Kirgistan, Kasachstan oder auch Weißrußlands.
Möglicherweise hatte Prigoschin freies Geleit in eines dieser Länder gefordert, oder Kreml-Vermittler hatten diese Idee als Ausweg für Prigoschin.
Der weißrussische Präsident Lukaschenko habe den ganzen Tag mit Prigoschin verhandelt. Dies mit Einverständnis des russischen Präsidenten Putin.
Gute Nachrichten aus den USA für Prigoschin
Auch aus den USA kommen gute Nachrichten für Prigoschin. Nachdem dieser sein Militärunternehmen bzw. wohl zumindest dessen Aktivitäten in Afrika von Weißrußland weiterführen kann erhält dieser unerwartete Unterstützung aus den USA. Die eigentlich am 27. Juni 2023 beginnenden Sanktionen gegen die Wagner-Gruppe sollen nun doch nicht inkrafttreten.
Prigoschin war zuletzt immer mehr durch wüste Schimpftiraden und öffentliche Beleidigungen aufgefallen und erschien zunehmend unberechenbarer.
Der Wagner-Anführer forderte nach dem Einmarsch in Rostov am Don zuerst, er wolle die Auslieferung des russischen Verteidigungsministers Sergej Schojgu und Generalstabschef Valerij Gerassimow erreichen.
Mit diesen, denen er ein zu mildes Vorgehen in der Ukraine vorwirft, bestand schon seit langem ein Machtkampf.

Um 19.25 Uhr meZ gab Prigoschin zum Putschversuch bzw. wie er es bezeichnet, dem „Marsch für Gerechtigkeit“ öffentlich bekannt:
„Wir sind am 23. Juni zum ‚Marsch der Gerechtigkeit‘ aufgebrochen. Innerhalb eines Tages sind wir bis auf 200 Kilometer an Moskau herangekommen. In dieser Zeit haben wir keinen Tropfen Blutes unserer Krieger vergossen. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem Blut vergossen werden könnte. Daher, eingedenk der Verantwortung dafür, daß auf einer der Seiten russisches Blut vergossen wird, drehen wir unsere Kolonnen ab und gehen zurück in die andere Richtung in die Feldlager, getreu dem Plan.“
Die Wagner-Kämpfer selbst werden Verträge mit dem Verteidigungsministerium erhalten und ebenfalls nicht strafverfolgt, so der Kreml.
Derweil äußert sich Dimitri Medwedew zum gescheiterten Staatsstreich:
„Wenn man die gute Vorbereitung des Plans, die professionelle Koordinierung der Aktionen und die Qualitätskontrolle der Truppenbewegungen berücksichtigt, kann man von einem gut durchdachten militärischen Plan und der Beteiligung am Aufstand von Personen sprechen, die früher in Eliteeinheiten der russischen Streitkräfte tätig waren, und es ist durchaus möglich, daß auch ausländische Fachkräfte daran beteiligt sind.“
Auch gibt es Gerüchte, der ukrainische Geheimdienst habe möglicherweise seine Finger im Spiel gehabt, wobei wahrscheinlicher erscheint, daß Prigoschin als Motiv gehabt haben dürfte, daß er die Auflösung der von ihm aufgebauten Wagner-Truppen fürchtete, wie er vorbrachte.
Auch ein Machtentzug über die von ihm geführten Wagner-Truppen dürfte ihm als Aussicht nicht gefallen haben.
Hier ein Gespräch mit führenden Leuten des russischen Militärs in Rostow am Don, wobei die Umstände des Zustandekommens des Gesprächs unklar sind, namentlich, ob sie freiwillig dorthingekommen waren oder festgehalten wurden. Wobei die Gesprächssituation in Anbetracht der Umstände doch einen entspannten Eindruck macht.
Der in Nordossetien geborene inguschische General Junus-bek Jewkurow, der beim legendären „Incident at Pristina airport“ die russischen Truppen anführte, durfte nun Prigoschin treffen, um zu verhandeln… #RussiaCoup https://t.co/Rj3sOQSCjQ
— David X. Noack (@davidnoack) June 24, 2023
Denn paramilitärische nicht-staatliche Organisationen wie Achmat oder Wagner sollten zum Juli staatliche Verträge unterschreiben. Was der Wagner-Chef nicht tat.
Der Schaden allerdings bleibt. Ein Ansehensverlust für Rußland. Der Schaden hätte allerdings bei einer Nicht-Abwendung des Marsches auf Moskau durch die Wagner-Gruppen wesentlich größer sein können. Wenn verschiedene russische Militärorganisationen in Kampf miteinander gekommen wären.
Berichte im SRF-Staatsfernsehen
Das Schweizer Staatsfernsehen berichtete:
„Die Worte von Wladimir Putin hätten deutlicher nicht sein können. In seiner Ansprache im Staatsfernsehen sprach er von Verrat und einem Dolchstoss in den Rücken der Armee. Den Namen des Putsch-Initiators, Jewgeni Prigoschin, nannte er nicht. Dies alleine spricht Bände, wie Wladimir Putin zu Prigoschin, seinem ehemaligen Koch und verurteilten Kriminellen, nun steht. Denn der russische Präsident pflegt die Namen seiner Gegner nicht zu nennen. In der Nacht auf heute ist Prigoschin zu einem der größten Feinde Putins geworden.“
Webseite von Thomas Röper bricht zusammen
Die Einschätzung des SRF wird zu großen Teilen sogar vom pro-russischen Autor Thomas Röper geteilt, der unter der zu seiner Tätigkeit als Berichterstatter unpassenden Namen Anti-Spiegel berichtet und aus der SRF-Einschätzung zitierte.
Wie sehr viele Leute sich in der aktuellen Situation auf der Webseite des deutschstämmigen Autors Informationen holen wollten um eine russische Einschätzung zu erhalten zeigte sich daran, daß seine Webpräsenz zeitweise dem Besucheransturm nicht mehr standhielt und zusammenbrach.

Deutsche Staatssender schlafen
Während Webseiten von Rußland-Berichterstattern wie Röper wegen der vielen Anfragen zusammenbrachen und das Schweizer Staatsfernsehen SRF laufend berichtete schliefen die Deutschen Staatssender höchst erstaunlicherweise.
Sie übten sich für eine für sie in bezug auf die Rußlandberichterstattung äußerst eigenartige Zurückhaltung und verzichteten lange Zeit ganz auf Berichte.
Möglicherweise wollten ZDF, Phönix und ARD erst abwarten welche Einschätzungen aus den USA eingehen.
Dazu Moritz Eichhorn in der Berliner Zeitung:
„Söldnerführer Prigoschin will Militärführung stürzen, Putin spricht zur Nation, Antiterror-Maßnahmen in Kraft – aber bei ARD, ZDF und Phoenix wird das ignoriert.“
Einhorn kritisiert:
„Die ARD zeigt „Die Pfefferkörner“ (Folge 198), im ZDF läuft die Zeichentrickserie „Bibi und Tina“. „Tina, Alex und Freddy reiten aus und wollen am See im Steinbruch zelten. Doch das Rennpferd Maestro wurde gestohlen und ist dort versteckt.“ Spannend, aber vielleicht nicht ganz so spannend wie ein möglicher Militärputsch in der größten Nuklearmacht der Welt.“

(rm)