Erdogan und italienischer Schriftsteller Paolo Nori zu Anfeindungen und Verboten gegen russische Kultur / Kulturschaffende
Der türkische Präsident Erdoğan hat Anfeindungen gegen Kulturschaffende mit russischem Hintergrund aufs Schärfste kritisiert. Er verurteilte er die Entlassung des Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Waleri Gergijew, wegen dessen Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Bei der Eröffnungszeremonie des Diplomatie-Forums in Antalya am Freitag sagte Erdoğan:
„Faschistische Aktionen gegen russischstämmige Menschen und russische Kulturschaffende, die in der westlichen Welt leben, sind völlig inakzeptabel. Schaut euch die Situation an, wo dem Chefdirigenten der deutschen Philharmoniker als einem Freund Putins gekündigt wird. Ist das ein Blödsinn? Die Werke von Dostojewski werden verboten. Ist das ein Blödsinn?“
Bereits vor wenigen Tagen hatte das türkische Staatsoberhaupt die Angriffe auf die Vertreter der russischen Kultur mit einer „Hexenjagd“ verglichen.
Dostojewski nun auch Tabu im Westen?
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß Dostojewski zur Sowjetzeit verboten war und jetzt im Westen nicht mehr gelesen werden soll und Opfer der „cancel culture“ wird oder sogar verboten werden soll.
Wobei es noch nicht ganz soweit ist: Die mailänder Universität hat die Entscheidung, einen Kurs über das Werk des russischen Autors Fjodor Dostojewski nach vorläufig abzusagen bzw. zu verschieben, inzwischen rückgängig gemacht.
Pikant dabei auch, daß Dostojewski bis heute in Rußland nicht überall geliebt wird und umstritten ist.
Was zuvor geschah
Der italienische Schriftsteller Paolo Nori hatte am Dienstag ein Video auf Instagram gepostet, in welchem er schilderte, er habe eine Mail von Beamten der Universität Milano-Bicocca in Mailand erhalten, in welchem er über die Entscheidung informiert wurde, seinen Kurs nach der russischen Invasion in der Ukraine zu verschieben.
„Sehr geehrter Herr Professor, der Vizerektor für Didaktik hat mich über eine mit dem Rektor getroffene Entscheidung informiert, den Kurs über Dostojewski zu verschieben“, heißt es in der E-Mail laut Noris Video.
„Damit sollen Kontroversen, insbesondere intern, in einer Zeit starker Spannungen vermieden werden.“
Nori fuhr fort: „Mir ist klar, daß das, was in der Ukraine passiert, schrecklich ist, und ich möchte weinen, wenn ich nur daran denke. Aber was in Italien passiert, ist lächerlich.“
„Es ist heute in Italien nicht nur falsch, ein lebender Russe zu sein, sondern auch ein toter Russe zu sein, der 1849 zum Tode verurteilt wurde, weil er etwas Verbotenes gelesen hatte. Daß eine italienische Universität einen Kurs über einen Autor wie Dostojewski verbieten würde, ist unglaublich“, so Nori weiter.
Weiterführendes, Quellen
https://archive.ph/Z4RIM
Apropos: Wer einmal etwas wirklich Trauriges, depressiv machendes lesen möchte, dem sei „Der Spieler“ von Dostojewski empfohlen.
Beitragsbild: Manuskriptauszug Dostojewskis zu „Die Dämonen“
(rm)