Jack F. Matlock Jr. im Gespräch mit Glenn Diesen über die Nato-Erweiterung und die Sicherheitsstruktur in Europa
Jack F. Matlock Jr. beherrscht Russisch und Ukrainisch. Er war von 1987 bis 1991 US-Botschafter in der UdSSR und spielte eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen über ein Ende des Kalten Krieges. Botschafter Matlock war während der Kubakrise auch an der US-Botschaft in Moskau tätig.
Botschafter Matlock erörtert das Versäumnis, nach dem Kalten Krieg eine für beide Seiten akzeptable europäische Sicherheitsarchitektur zu schaffen, und warum der Expansionismus der NATO zu einem Krieg in der Ukraine führte.
„Wenn Leute sagen, der Krieg in der Ukraine sei der erste Krieg in Europa seit dem Ende des 2. Weltkrieges, dann stimmt das nicht.“, so Matlock, der erste Krieg seit der Angriff der Nato auf Serbien gewesen. Der Angriff erfolgte, obwohl Serbien kein Nato-Land angegriffen hatte oder bedroht hatte. Die Nato wurde damit vom Verteidigungsbündnis zum offensiven Bündnis.
„Die USA nutzten die Nato faktisch, um Krieg gegen Serbien zu führen“, so Matlock; „Das konnte nur als offensiver Einsatz angesehen werden.“
Die Abspaltung des Kosovos erfolgte ohne eine Abstimmung der Bevölkerung, ohne ein Referendum allein aufgrund einer Abstimmung im kosovarischen Parlaments. Damit wurde gegen die Schlußakte von Helsinki verstoßen. Demnach durften Grenzen nicht ohne gegenseitiges Einverständnis verändert werden.
Damit wurde auch ein „direkter Präsedenzfall“ geschaffen und eine Vorlage für das Vorgehen von Putin später auf der Krim mittels einem friedlichem Referendum. Wobei hier die Bevölkerung befragt wurde, die mit großer Mehrheit zu Rußland wollte.
Wer heute bestreite, daß die Wurzel des Problems des Krieges in der Ukraine die Erweiterung der Nato war, der ignoriere „schlicht die Geschichte und die Fakten“, so Matlock. Es konnte nur als offensiver Akt des Westens gegenüber Rußland verstanden werden.
Glenn Diesen äußert, daß alle Umfragen bis 2014 in der Ukraine ergeben hatten, daß nur eine kleine Minderheit von rund 20 Prozent Nato-Mitglied werden wollten.
Wenn wir wußten, daß die Ukrainer nicht Nato-Mitglied werden wollten, warum haben wir dann gegen den Willen der Mehrheit der Ukraine so darauf gedrängt.
Das Problem in der Ukraine sei im Wesentlichen ein Bürgerkrieg, so Matlock. Es geht um ein Gebiet, daß größtenteils zum zaristischen Rußland gehörte. Ein anderer Teil wurde später infolge eines Pakts zwischen Stalin und Hitler hinzugefügt. Nun ist es ironisch, daß der Westen einen Krieg führe, um das Erbe von Hitler und Stalin zu verteidigen. Und wenn man den 2. Weltkrieg und das, was damals geschehen ist, berücksichtige, dann ist es schon bemerkenswert, daß zum Beispiel Deutschland Offensivwaffen geliefert werden. An die antirussischen Fraktionen in der Ukraine, die nicht demokratisch gewählt wurden. Die derzeitige Regierung der Ukraine sei das Ergebnis eines Staatsstreichs.
Und der wurde ganz offensichtlich, ganz offen von den USA und Vertretern der Europäischen Union angestiftet.
Beim Zusammenbruch der Sowjetunion kam es dazu, daß die Ukraine Macht über Gebiete erhielt, die traditionell russisch waren. Natürlich stand die Ukraine, als sie sowjetisch war, unter der Kontrolle Moskaus. Die Ukraine hatte zuerst die Neutralität in der Verfassung, später wurde diese gestrichen. Außerdem begann man die Bürger zu diskriminieren, die russischsprachig waren.