Waldbesitzer Graubündens: „Der Luchs ist Beitrag zur Stabilität der Bündner Schutzwälder“

Waldbesitzer Graubündens: „Der Luchs ist Beitrag zur Stabilität der Bündner Schutzwälder“

In Graubünden wurden Luchse geschossen, die nicht geschossen hätten dürfen. Dies sorgte schweizweit für Schlagzeilen und darüberhinaus. Damals schoß ausgerechnet ein Wildhüter 3 Luchse, die er mit Wölfen verwechselte. Ob der Wildhüter, der nicht einmal einen Wolf von einem Luchs unterscheiden kann und somit wohl auch eine Gefahr für andere Tiere, etwa Haustiere darstellen könnte, noch im Dienst ist, fragt sich.

Es gab in Graubünden sogar den bizarren Vorfall, daß ein Bündner Jäger im Februar 2024 in Sedrun eine – angeleinte (!) – Weimaraner-Hündin erschoß, nachdem er das Tier nach eigenen Angaben mit einem Fuchs verwechselt hatte, obwohl nicht einmal eine ansatzweise Ähnlichkeit zwischen Weimaraner und Fuchs ausgemacht werden kann. Eine Weimaraner-Hündin sieht notabene so aus, wie hier zu sehen.

Nun jedenfalls soll – beziehungsweise sollte – in der Surselva als Ausgleich für die vom Wildhüter erschossenen Luchse eine Auswilderung stattfinden, doch die Mitte Graubünden und die SVP Graubünden stemmten sich dagegen und verhinderten dies.

Die Vereinigung der Waldbesitzer Graubündens, Selva, wendet sich nun an die Politik und veröffentlicht einen Brief an die Großräte (kursiv):

Der Luchs ist Beitrag zur Stabilität der Bündner Schutzwälder

Geschätzte Großräte

Die Selva, der Verband der Waldeigentümer Graubünden, und der Verein Graubünden Wald sind die Vertreter der zentralen Anliegen der Bündner Waldwirtschaft und der Waldeigentümer.

Mit Interesse, aber auch mit Besorgnis, haben wir die in der Dezembersession 2025 eingereichten Aufträge zur Sistierung und Ablehnung der geplanten Ersatzaussetzung von zwei Luchsen in der Surselva zur Kenntnis genommen. Die geplante Ersatzaussetzung steht im Zusammenhang mit dem fälschlichen Abschuß von drei Luchsen durch die Wildhut am 26. November 2024 im Rahmen der Wolfsregulation. Gerne möchten wir Ihnen dazu unsere fachliche Einschätzung darlegen.

Der Luchs ist als prioritäre Waldart ein integraler Bestandteil der Biodiversität und spielt als Spitzenprädator eine wichtige Rolle im Zusammenspiel von Lebensräumen und Arten. Wie auch der Bundesrat in seiner Stellungnahme vom 11. Februar 2026 festhält, zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen, daß der Luchs einen positiven Einfluß auf die Waldentwicklung haben kann. Durch die zusätzliche Regulierung und räumliche Verteilung der Reh- und Gamsbestände, ergänzend zur Jagd, kann er die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Waldverjüngung verbessern. Diese Erkenntnis teilen wir aus unserer täglichen forstlichen Praxis.

Im Kanton Graubünden kommt der Funktionsfähigkeit der Schutzwälder eine zentrale Bedeutung für die Sicherheit von Siedlungen, Infrastrukturen und Verkehrsachsen im Alpenraum zu. Eine stabile Waldverjüngung ist deshalb nicht nur eine ökologische Frage, sondern auch eine zentrale Voraussetzung für den langfristigen Schutz der Bevölkerung und der alpinen Infrastruktur. Gerade ein Bergkanton wie Graubünden ist darauf angewiesen, alle verfügbaren Instrumente zu nutzen, welche die Stabilität und Verjüngung der Schutzwälder langfristig sichern.

Der Luchs löst die Verjüngungsprobleme der Bündner Schutzwälder nicht allein, hilft jedoch mit. Voraussetzung dafür ist eine langfristig stabile und genetisch gesunde Luchspopulation. Die negativen Folgen der vorhandenen genetischen Verarmung des Schweizer Luchsbestandes sind wissenschaftlich belegt und äußern sich im Feld.

Vor diesem Hintergrund sind auch die aktuellen Bestrebungen des Bundes zur Stärkung der genetischen Vielfalt der Luchspopulation von Bedeutung. Im Rahmen des Projekts „Genetische Rettung – Großraubtiere Deutschland/Schweiz (Ggd) 2024–2026“, welches unter anderem von Kora (Raubtierökologie und Wildtiermanagement) begleitet wird, sollen gezielte Maßnahmen zur genetischen Stabilisierung der Population umgesetzt werden. Die geplante Aussetzung einzelner Tiere ist Teil dieser übergeordneten Strategie.

Mit der geplanten Aussetzung der Luchse kann der Kanton Graubünden somit einen Beitrag zu diesen nationalen Bestrebungen leisten und gleichzeitig wichtige Voraussetzungen für stabile, klimaresiliente und funktionierende Schutzwälder stärken.

Wir unterstützen daher die Haltung der Regierung in dieser Sache und bitten Sie, im Interesse der langfristen Stabilität unserer im Kanton Graubünden elementar wichtigen Schutzwälder sowie auf Basis fachlicher Erkenntnisse, die eingereichten Aufträge abzulehnen und die geplante Aussetzung der Luchse zu unterstützen.

Weiterführende Informationen

„Erfolgsfaktoren im Spannungsfeld Wald + Wildtiere“, Bündner Wald, Ausgabe Juni 2024, S. 34–39

Zusammenfassung:

Luchs als Erfolgsfaktor

Der schneereiche Winter 1999 führte zu hohen Verlusten beim Rehbestand. Ab 2001 unterstützte zudem das Luchsumsiedlungsprojekt Luno der Kantone St. Gallen, Zürich und Thurgau diese Entwicklung. Durch die Präsenz des Luchses stiegen die Rehbestände nach den Winterverlusten weniger stark an, auch der Waldgamsbestand nahm ab. Im Toggenburg verbesserte sich im Zusammenspiel mit Bejagung, Naturereignissen wie strengen Wintern, Stürmen (Vivian und Lothar) im Zusammenspiel mit der wachsenden Luchspopulation die Wald-Wild-Situation, so daß forstliche Maßnahmen zur Waldverjüngung wirksam wurden.

Autor: Christof Gantner, Forstingenieur ETH

Fachbroschüre zum Luchs, WWF Schweiz

Zusammenfassung:

Die Broschüre zeigt mit kurzen Texten sowie anschaulichen Graphiken und Bildern die Situation des Luchses. Sie enthält ein Kurzporträt, einen Überblick über seine Geschichte und Informationen zur Schweizer Luchspopulation im internationalen Zusammenhang. Weitere Kapitel erklären die Lebensweise des Luchses, seine Rolle im Ökosystem und sein Jagdverhalten. Zum Schluß faßt ein kurzes Fazit die wichtigsten Punkte zusammen.

Herausgeber WWF Schweiz, Hohlstraße 110, 8010 Zürich

„Luchse in Not – Inzucht bedroht Schweizer Wildbestand“, Srf, Einstein, 05.11.2025

Zusammenfassung:

„Einstein“ begleitet ein junges Luchsweibchen aus dem Wildnispark Zürich auf dem Weg in die Freiheit – als Hoffnungsträgerin für seine Art. Für die Schweizer Luchse hingegen häufen sich die Alarmzeichen: Eine neu entdeckte Erbkrankheit zeigt die Folgen von Inzucht und des fehlenden Gen-Austauschs.

„Wald, Wild und Luchs – gemeinsam in die Zukunft“, Szf 150-1999, Rüegg et al.

Zusammenfassung:

In einem Untersuchungsgebiet im Berner Oberland, in dem während rund 30 Jahren große wildtierbedingte Verjüngungsprobleme im Wald vorherrschten, haben Jagd und Luchs gemeinsam dazu beigetragen, daß der Bestand an Rehwild und Gämsen auf ein Niveau abgenommen hat, bei dem sich sämtliche Baumarten im Wald wieder natürlich verjüngen können. Es scheint, daß sich die Regulation durch geplante jagdliche Eingriffe und außerordentliche Ereignisse durch den Luchs sinnvoll ergänzen und zu einer Dynamik der Wildtierbestände führen können, die für den Lebensraum im allgemeinen und den Gebirgswald im speziellen dringend notwendig ist.

(pd, rm)
(Archivbild: Luchsmutter mit Nachwuchs bei Zernez, Kt. GR)

admin

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