Winziger Kraftprotz im Dienste der Wälder

Die Gallmilbe (Aceria anthocoptes) ist höchstens 0,3 Millimeter gross und ernährt sich von Pflanzensäften. Zu ihren wichtigsten natürlichen Feinden zählen die Raubmilben, die im Obst- und Beerenbau als Nützlinge eingesetzt werden. (Quelle: Koordinator Internationales Jahr des Bodens 2015)

Die Gallmilbe (Aceria anthocoptes) ist höchstens 0,3 Millimeter gross und ernährt sich von Pflanzensäften. Zu ihren wichtigsten natürlichen Feinden zählen die Raubmilben, die im Obst- und Beerenbau als Nützlinge eingesetzt werden. (Quelle: Koordinator Internationales Jahr des Bodens 2015)

Gut eine halbe Million Blätter lässt eine 100-jährige Buche jährlich fallen, die sich unter
ihrer Krone zu einer Laubschicht von 5 bis 10 Zentimetern Höhe anhäufen. Milben gehören
zu den ersten Zersetzern vor Ort. Sie sorgen dafür, dass unsere Wälder nicht im eigenen
Laub ersticken.

Das stärkste Tier der Welt? Nein, weder das Pferd, noch der Elefant und auch nicht die
Ameise darf sich mit diesem Titel brüsten, sondern eine 0,7 Millimeter kleine Hornmilbe der
Art Archegozetes longisetosus. Das in den Tropen verbreitete Spinnentierchen kann das
1180-Fache seines Körpergewichts stemmen. Übertragen auf einen 70 Kilogramm schweren
Menschen, müsste dieser 82,6 Tonnen hochheben, ein Gewicht von zirka 24 Kleinlastern.
Wofür die Hornmilbe ihre beeindruckenden Kräfte braucht, ist nicht vollständig geklärt.
Wissenschaftler vermuten, dass sie auf ihrer unterirdischen Suche nach verfaulenden
Organismen mit den Grabklauen oft schwere Erdbrocken beiseite räumen und sich zudem
vor Fressfeinden schützen muss.

Bis zu 400 000 Milben pro Quadratmeter Boden
Rund die Hälfte der knapp 40 000 bekannten Milbenarten lebt in den Streu- und obersten
Bodenschichten, in einer Tiefe von 5 bis maximal 10 Zentimetern. Die bepanzerten
Bodenbewohner sind auf jeweils eine Schicht spezialisiert und unterscheiden sich in Grössen
von 0,1 bis 0,7 Millimeter und Form: je tiefer die Bodenschicht liegt, desto kleiner und
flacher sind die Tierchen, damit sie sich in den wenigen schmalen Löchern der Krume
überhaupt noch bewegen können. Milben treten meist nestartig gehäuft auf: Zwischen
100 000 und 400 000 Individuen besiedeln einen Quadratmeter Boden von 30 Zentimeter
Tiefe. In verdichteten oder mit Pestiziden belasteten Böden ist ihre Zahl jedoch deutlich
kleiner.

Dünger für den Wald
Der Speiseplan der verschiedenen Milbenarten ist sehr unterschiedlich. Einige sind
Aasfresser: Sie ernähren sich von toten, weichhäutigen Tierresten. Andere Arten beweiden
Algen, Pilze oder Bakterienkulturen und helfen so, die Mikroorganismen im Gleichgewicht zu
halten und deren Sporen im Boden zu verbreiten. Sie erledigen also die gleiche Arbeit wie
die etwa dreimal so grossen Springschwänze, die allerdings die mineralischen
Bodenschichten bevorzugen. Die grösste Gruppe der Milben ernährt sich von totem
Pflanzenmaterial: von Rinden, Blättern und Nadeln, die sie als Erste anknabbern. Sie setzen
einen Prozess in Gang, der unter Beteiligung von Käfern, Asseln, Würmern, Bakterien, Pilzen
und weiteren Organismen schliesslich zu wertvollem Humus führt. Besonders bedeutend
sind die Hornmilben für den Wald. Sie sind tolerant gegenüber niedrigen pH-Werten und
zählen deshalb, zusammen mit den vergleichsweise grossen Tausendfüssern, zu den
wichtigsten Laubzersetzern in sauren Waldböden. Ohne die gefrässigen Spinnentierchen
würde der Zersetzungsprozess wesentlich langsamer ablaufen, so dass der Wald in seinem
eigenen Laub erstickte.

Nützling im ökologischen Gemüse- und Weinbau
Im Wald sind auch die bekanntesten Vertreter der Milben zuhause: die Zecken. Sie zählen zu
den parasitär lebenden Raubmilben, die ganz unterschiedliche Ernährungsstrategien
entwickelt haben: Einige Arten setzen sich auf Insekten fest, um grössere Distanzen zu
überwinden und an Futterstellen zu gelangen; andere zapfen direkt die Körpersäfte ihrer
Wirtstiere an; eine dritte Gruppe profitiert als «Mitesser» vom Futter ihres Wirts, etwa vom
Blütenstaub einer Hummel. Einige räuberische Arten machen Jagd auf Nematoden,
Spinnmilben oder Weisse Fliegen, weshalb man sie gern als Nützlinge im ökologischen Weinund
Gemüsebau einsetzt. Auch im Kampf gegen die Varroa-Milbe in den Bienenstöcken
erhofft man sich von den Raubmilben Unterstützung. Dabei setzen die Imker weniger auf die
aussergewöhnliche Kraft der Räuber als vielmehr auf deren Appetit.