Grundwasser in der Schweiz „unter Druck“ +++ Aber: Schweiz hat trotzdem 10x mehr Wasser als sie braucht

Vielerorts in der Schweiz, dem „Wasserschloß Europas“, kommt das Wasser aus Bergquellen und wird nicht aus Grundwasser gezogen.

Allein deswegen ist die Wasserqualität in der Schweiz im Vergleich mit den meisten EU-Ländern überdurchschnittlich gut.

Aber natürlich quillt nicht überall wie in den Berggebieten das Wasser frisch aus Quellen, sondern es wird das Trinkwasser auch in vielen tiefergelegenen Gebieten des Unterlands ganz oder teilweise aus Grundwasser generiert.

Dies ist umso bedeutender, weil die Berggebiete weniger bevölkert sind und die Gebiete des Unterlande weitaus größere Bevölkerungsdichte aufweisen.

80% des Trinkwassers kommt aus Grundwasser

Wer nicht den Vorteil hat, daß er in Berggebieten mit Quellwasser wohnt, das in aller Regel völlig rein ist, bezieht sein Hahnenwasser vom Grundwasser.

Dies sind stattliche 80% aus obengenannten Gründen, weil die Unterland-Gebiete stärker bevölkert sind.

So oder so sind wir es in  der Schweiz generell gewohnt, daß aus Grundwasser oder Bergquellwasser qualitativ einwandfreies Trinkwasser in ausreichender Menge zur Verfügung steht.

Dies ist heute jedoch nicht mehr selbstverständlich, denn die Grundwasservorkommen weisen zunehmend Verunreinigungen auf, die mehrheitlich aus der Landwirtschaft stammen, so das BAFU (Bundesamt für Umwelt) in einer aktuellen Mitteilung.

600 Meßstellen – Negativer NAQUA-Bericht

Zu diesem Schluß, daß Grundwasser nicht mehr überall unbedenklich als Trinkwasser genutzt werden kann, gelangt der der aktuelle Bericht der Nationalen Grundwasserbeobachtung NAQUA, welchen das Bundesamt für Umwelt (BAFU) am 15. August 2019 veröffentlicht hat.

Viele Herbizide / Pflanzenschutzmittel sind noch erlaubt und werden von der Intensivlandwirtschaft für Ertragsmaximierung aggressiv eingesetzt. Dabei bleiben sie über Jahrzehnte im Grundwasser und vergiften sogar noch zukünftige Generationen.

Viele Herbizide / Pflanzenschutzmittel sind noch erlaubt und werden von der Intensivlandwirtschaft für Ertragsmaximierung aggressiv eingesetzt. Dabei bleiben sie über Jahrzehnte im Grundwasser und vergiften sogar noch zukünftige Generationen.

Grundwasser ist ein wichtiger einheimischer Rohstoff.

80 Prozent des Trinkwassers werden in der Schweiz aus Grundwasser gewonnen.

Der Zustand und die Entwicklung werden im Rahmen der Nationalen Grundwasserbeobachtung NAQUA in Zusammenarbeit von Bund und Kantonen an rund 600 Meßstellen landesweit erhoben.

Am 15. August hat das BAFU die Ergebnisse der Messungen und Analysen der Jahre 2007 bis 2016 veröffentlicht.

Nitrat und Pflanzenschutzmittel gefährden hohe Wasserqualität

Der vorliegende Bericht zeigt, daß vor allem Nitrat und Rückstände von Pflanzenschutzmitteln die Grundwasserqualität beeinträchtigen.

Daß jahrzehntelang die Kleinlandwirtschaft mit Bürokratie, immer mehr Abgabenbelastung und Gesetzesfluten stillgelegt und die Großlandwirtschaft staatlich gefördert wurde, zeigt nun seine negative Seite bei der Wasserqualität.

Denn Hauptquelle ist gemäß der Untersuchung genau die industrielle Intensiv-Landwirtschaft, welche für die großflächige Belastung des Grundwassers verantwortlich ist.

Entlang der Fließgewässer treten auch Mikroverunreinigungen im Grundwasser auf, welche aus Industrie, Gewerbe und Haushalten stammen.

Vorrausschauendes Wirtschaften wichtig: Grundwasser erneuert sich nur langsam

Weil sich sich das Grundwasser nur langsam erneuert und hierbei regeneriert, sind vorausschauende Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der Grundwasserversorgung maßgeblich.

Trinkflaschen sind praktisch beim Velofahren, auf Reisen und für alle, die Einwegmüll vermeiden wollen. Aber schön wäre es schon, wenn man in Zukunft auch noch Wasser aus der Wasserleitung trinken könnte (Bildquelle: www.trinkflaschen24.de)

Noch heute finden sich beispielsweise im Grundwasser Rückstände von Atrazin, einem Herbizid, welches in der Schweiz schon seit über 10 Jahren verboten ist.

Wer also will, daß in Zukunft nicht Trinkwasser nur noch in Form von Mineralwasser anstatt Leitungswasser unbedenklich genossen werden kann und man nur noch Trinkwasser in Trinkflaschen anstatt aus der Leitung trinken kann, muß auf die Gegenwart im Interesse der Zukunft schauen.

Sonst kann in einigen Gebieten wie dem Mittelland irgendwann das Hahnenwasser nur noch zum Duschen, Baden, Auto-waschen oder für die Waschmaschine und für den Geschirrspüler gebraucht werden.

Zulässige Nitratwerte an 15 Prozent aller Meßstellen überschritten

Die größte Belastung des Grundwassers verursacht das Nitrat.

Natürlicherweise wäre die Nitratkonzentration im Grundwasser im Bereich weniger Milligramm pro Liter (mg/l).

Mittelland: Sogar 80% aller Meßstellen mit übermäßiger Nitratbelastung

Im Schweizer Mittelland weisen jedoch 80 Prozent der Meßstellen eine Konzentration von mehr als 10 mg/l auf.

An rund 15 Prozent aller Meßstellen wurden 2014 Konzentrationen von mehr als 25 mg/l nachgewiesen. 25 mg/l sind in der Gewässerschutzverordnung (GSchV) als Grenzwert (so genannte numerische Anforderung) festgelegt.

In Gebieten mit viel Ackerbau-Landwirtschaft wurde dieser Wert an 40 Prozent der Meßstellen überschritten.

An 2 Prozent der Meßstellen wurde auch der Höchstwert der Lebensmittelgesetzgebung für Trinkwasser von 40 mg/l nicht eingehalten.

Die Nitrat-Konzentrationen sind ein wichtiger Indikator für die Auswirkungen der Landwirtschaft auf das Grundwasser. Hauptquellen für die hohen Nitratwerte sind Hof- oder Mineraldünger.

Rückstände von Pflanzenschutzmitteln weit verbreitet

An mehr als der Hälfte aller Meßstellen treten Rückstände von Pflanzenschutzmitteln (PSM) im Grundwasser auf.

Gifte wie Plfanzenschutzmittel bringen Großagarbetrieben zwar kurzfristig mehr Rendite, sie schaden jedoch dem Grundwasser und damit dem Trinkwasser des Menschen

Gifte wie Pflanzenschutzmittel bringen Großagarbetrieben zwar kurzfristig mehr Rendite, sie schaden jedoch dem Grundwasser und damit dem Trinkwasser des Menschen

Großflächig werden Pflanzenschutzmittel vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt. PSM-Wirkstoffe überschritten 2014 den Grenzwert von 0.1 Mikrogramm (µg/l) an 2 Prozent der Meßstellen.

Zudem wurden deren Abbauprodukte, sogenannte PSM-Metaboliten, verbreitet in erhöhten Konzentrationen nachgewiesen, vor allem im Mittelland (siehe Faktenblatt).

An rund 20 Prozent der Messstellen lagen die Konzentrationen von PSM-Metaboliten über 0.1 µg/l; für gewisse Metaboliten gilt dies ebenfalls als Grenzwert.

Halogenierte Kohlenwasserstoffe und Stoffe aus dem Abwasser

Überschreitungen der Grenzwerte nach GSchV werden auch für flüchtige halogenierte Kohlenwasserstoffe (FHKW) festgestellt.

FHKW überschritten den Grenzwert 2014 an 4 Prozent der Messstellen. Sie stammen aus Altlasten, wie zum Beispiel ehemaligen Industriestandorten oder Deponien.

Zudem treten Mikroverunreinigungen im Grundwasser auf, welche aus dem Abwasser stammen und meist über Fließgewässer und teilweise über defekte Kanalisationen ins Grundwasser gelangen.

Im Vergleich zu PSM-Rückständen wurden diese Stoffe jedoch insgesamt weniger häufig im Grundwasser nachgewiesen.

Künstliche, langlebige Stoffe sollen im Grundwasser gemäß GSchV grundsätzlich nicht vorkommen.

An Fließgewässern treten Mikroverunreinigungen im Grundwasser auf. (Bild: Hinterrhein im Domleschg / Bildquelle: Domleschger-Zeitung.ch)

An Fließgewässern treten Mikroverunreinigungen im Grundwasser auf. (Bild: Hinterrhein im Domleschg / Bildquelle: Domleschger-Zeitung.ch)

Schweiz hat das 10fache an Wasser, welches sie braucht: Ausreichend Wasser vorhanden, ejdoch zunehmend erschwerte Nutzung

Theoretisch könnten jährlich 18 Milliarden m³ Grundwasser – das ist mehr als das 10-fache des Bedarfs der Schweiz – auf nachhaltige Weise, d.h. ohne eine dauerhafte Absenkung des Grundwasserspiegels oder andere negative Auswirkungen auf die Umwelt, für die Wasserversorgung genutzt werden.

Konflikte mit anderen Nutzungen, wie etwa gewerblich-industrielle oder landwirtschaftliche Aktivitäten oder Siedlungsentwicklung, verhindern jedoch vielerorts, daß dieses Potential ausgeschöpft werden kann.

Kaum saisonale Schwankungen

Bezogen auf das gesamte Grundwasser in der Schweiz sind saisonale Veränderungen der Grundwasserstände in aller Regel klein.

Generell kann in mengenmäßiger Hinsicht, zumindest in der mehrjährigen Bilanz, von einem weitgehend stabilen Zustand der Ressource Grundwasser gesprochen werden, weil sich die Grundwasserreserven regelmäßig und vollständig wieder auffüllen.

Dies dürfte auch im Zuge einer allfälligen Klimaänderung so bleiben, selbst wenn es während Trockenperioden lokal zu vorübergehender Wasserknappheit kommen kann, wie dies bereits heute der Fall ist.

Aggressive Intensiv-Landwirtschaft muß reagieren

Das Grundwasser muß konsequenter geschützt werden, damit der Druck auf die elementarste Trinkwasserressource nicht weiter zunimmt und die Wasser-Verunreinigungen wieder  abnehmen.

Konkret müssen Stoffeinträge aus der Landwirtschaft (v.a. Nitrat und PSM-Rückstände) aber auch der Siedlungsentwässerung (Mikroverunreinigungen) und Altlasten (v.a. Kohlenwasserstoffe) zwingend sinken, zumal sich die Effekte der Maßnahmen erst mit großer Zeitverzögerung zeigen.

Als Hauptverursacher der Nitrat- und PSM-Belastung ist dabei vor allem die Landwirtschaft gefordert, mit geeigneten Maßnahmen das Grundwasser zu entlasten.

Zur Verminderung der Stoffe aus den Siedlungen und den Altlasten gilt es, den angelaufenen Ausbau ausgewählter Abwasserreinigungsanlagen zur Beseitigung von Spurenstoffen weiterzuführen und die Altlasten-Sanierungen abzuschließen.

Walensee (Foto: Remo Maßat / Schlagwort AG)

Walensee (Foto: Remo Maßat / Schlagwort AG)

Hintergrund: Was ist der Unterschied zwischen Trinkwasser und Grundwasser?

Wird Grundwasser als Trinkwasser genutzt, so muss es die Grenzwerte der Lebensmittelgesetzgebung (TBDV) einhalten.

Die Qualität des Trinkwassers wird durch die einzelnen Wasserversorger sichergestellt und von den kantonalen Lebensmittelämtern überwacht.

Nur wenige der untersuchten Grundwassermeßstellen lagen für den Zeitraum 2007 bis 2014 über den Höchstwerten der TBDV, die meist weniger streng angesetzt sind als die numerischen Anforderungen der GSchV.

Die Auswertung der durch NAQUA untersuchten Meßstellen und Stoffe liesse den Schluß zu, daß die Qualität des Grundwassers für die Trinkwassernutzung an den meisten Orten ausreichend ist, sodaß Grundwasser ohne aufwendige Aufbereitung abgegeben werden kann.

Diese Bilanz wird allerdings durch neue Erkenntnisse getrübt: Abbauprodukte des Fungizids Chlorthalonil (auch Chlorothalonil genannt) werden seit kurzem im Grundwasser nachgewiesen (siehe Faktenblatt: Metaboliten von Pflanzenschutzmitteln im Grundwasser (PDF, 263 kB)).