| Die Schweizer Zeitung
Friday November 24th 2017

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Rede von Didier Burkhalter in der Bünder Arena in Cazis

Der deutsche Musiker Udo Lindenberg brachte es jüngst auf den Punkt: „Wir müssen in einer Welt der Gloabalisierung darauf achten, daß die Welt bunt bleibt“ sagte er zum Thema Dengleutsch.

Für die Mehrsprachigkeit der Schweiz und gegen Denglisch sind viele Menschen, denen die kulturelle Vielfalt am Herzen liegt. Bundesrat Didier Burkhalter scheint erfreulicherweise dazuzugehören. Zumindest hat er eine interessante und ansprechende Rede zur Mehrsprachigkeit der Schweiz gehalten und eine Lanze für die kulturelle Vielfalt gebrochen.

Bundesrat Burkhalter macht sich für die sprachliche Vielfalt der Schweiz starkt (Foto: Didier Burkhalter mit seiner Frau)

Dies ist nicht mehr selbstverständlich in einer Zeit, in der es in Medienmitteilungen aus der Bundeskanzlei von dämlisten Denglisch nur so strotzt:

Rede von Bundesrat Didier Burkhalter – Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Frau Standespräsidentin
Egregio Signor Presidente del governo
Charas Rumantschas e chars Rumantschs
Care Grigionitaliane e cari Grigionitaliani
Liebe Walserinnen und Walser

Es freut mich außerordentlich, heute bei Ihnen in der Bündner Arena zu sein. Diese Arena ist zwar weniger bekannt, als die Arena des Schweizer Fernsehens. Sie ist dafür größer und schöner. Das wirkt sich hoffentlich positiv auf die Gesprächskultur und den Dialog in dieser Arena aus…

Ich bin sehr gerne nach Graubünden gekommen. Wie im nahen Österreich – der ersten Heimat meiner Frau – bietet Graubünden eine fantastische Natur, die uns den Atem raubt. Die imposanten Berglandschaften sind einfach faszinierend. Es ist eine Landschaft, die einerseits Ruhe und Erholung vermittelt. Andererseits strotzt sich vor Kraft, was Respekt und Ehrfurcht einflößt.

Die Berge sind in der Schweiz Wahrzeichen für die Freiheit und die Verantwortung. Die Berge symbolisieren Freiheit und Verantwortung. Sie sind sozusagen die Freiheitsstatuen unseres Landes. Und in Graubünden haben Sie sehr viele Berge…

Graubünden hat aber noch weitere Attraktionen. Zum Beispiel die meiner Meinung nach spektakulärste Eishockeymannschaft der Schweiz, der HC Davos. Der HCD ist wie die Berge in Graubünden: stabil und unerschütterlich. Ich halte dem HCD jedenfalls für das heutige Spitzenspiel gegen den derzeitigen Leader die Daumen.

Graubünden, das ist Natur, Sport und Erholung. Graubünden kennzeichnet sich aber vor allem durch die drei Kulturen und die Dreisprachigkeit aus. Das ist das berechtigte und wichtige Thema des heutigen Anlasses.

Meine Damen und Herren

Der heutige Anlaß ist dem Zusammenleben der drei Sprachgemeinschaften in Graubünden gewidmet – wie dies sehr schön im Titel des Anlasses (Convivenza, gemeinsam en grigioni) zum Ausdruck kommt.

„Convivenza“ steht für Zusammenleben, Begegnung, und den sprachlichen und kulturellen Austausch zwischen den drei Sprachengemeinschaften Graubündens. Die drei Sprachverbände, welche diesen Anlaß organisieren, stehen stellvertretend für diese Gemeinschaften.

Die 1918 gegründete Pro Grigioni Italiano und Lia Rumantscha, die dieses Jahr ihr 90jähriges Bestehen feiert, blicken auf ein jahrzehntelanges Engagement für die Erhaltung und Förderung der sprachlichen und kulturellen Eigenart und Eigenständigkeit zurück. Die Walservereinigung Graubünden, die dieses Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum feiert, trägt seit einem halben Jahrhundert zur Wahrung und Förderung der walserischen und der alpinen Kultur bei.

Die drei Organisationen leisten unverzichtbare Arbeit für ihre eigenen Sprachgemeinschaften. Sie sind zugleich Brücken zu den anderen Sprachgemeinschaften und tragen zum Zusammenleben der Sprachgemeinschaften im Kanton Graubünden und darüber hinaus bei. Der heutige Anlass ist ein schönes Beispiel hierfür!

Im Namen des Bundesrates gratuliere ich der Lia Rumantscha und der Walservereinigung zu ihren runden Jubiläen und allen drei Organisationen für ihr langjähriges und dauerhaftes Engagement für die Mehrsprachigkeit in Graubünden.

Meine Damen und Herren,

Mehrsprachigkeit als Wesensmerkmal Graubündens und der Schweiz

Der Kanton Graubünden ist der einzige Kanton, in dem drei der vier Landessprachen beheimatet sind. Der Kanton Graubünden ist wie eine verkleinerte Schweiz, eine Miniaturschweiz, wie Sie Ihren Kanton selbst manchmal bezeichnen. „Une Suisse miniature“, bei der allerdings etwas fehlt: die schöne französische Sprache…

Die sprachliche und kulturelle Vielfalt ist ein Wesensmerkmal und ein Kernelement der bündnerischen und schweizerischen Identität. Diese Vielfalt stellt eine Stärke und eine ständige Herausforderung dar. Es gehört zur politischen Debatte, dass von Zeit zu Zeit die Frage des nationalen Zusammenhalts gestellt wird. Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Sprachgemeinschaften gehören dabei ebenfalls zum politischen Diskurs und zu unserer politischen Kultur.

Die Herausforderung besteht darin, bei allen Differenzen das Verbindende zu betonen und die Einheit in der Vielfalt zu finden. Bisher ist es uns immer wieder gelungen, im Dialog und gestützt auf unsere demokratische Strukturen diese Einheit in der Vielfalt zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Diese Vielfalt ist die Stärke der Schweiz. Aus ihr schöpfen wir die Kraft für den Zusammenhalt. Der Respekt vor der Vielfalt fördert und fordert Kompromißbereitschaft sowie gegenseitige Rücksichtnahme. So ist unsere staatliche Gemeinschaft letztlich das Ergebnis eines gemeinsamen politischen Willens.

Die Regeln für das Zusammenleben im mehrsprachigen Staat sind in der Bundesverfassung beziehungsweise in der Bündner Kantonsverfassung festgehalten. Sie wurden in den letzten Jahren, teilweise nach langen und kontrovers geführten Debatten, geschaffen. Sie bilden die Voraussetzung für die Stärkung der viersprachigen Schweiz und des dreisprachigen Kantons Graubünden.

„Die Schweizerische Eidgenossenschaft fördert die kulturelle Vielfalt“, sagt der Zweckartikel (Artikel 2) der Bundesverfassung. Wohl in keinem Staat der Welt steht der Begriff der „Kulturellen Vielfalt“ prominenter in der Verfassung als dies bei uns der Fall ist. Das ist richtig so. Die Schweiz definiert sich durch ihre kulturelle Vielfalt, genauer durch deren Förderung, wie es in der Verfassung heißt. Die Förderung der kulturellen Vielfalt ist für die Schweiz also konstitutiv.

Im Bundesgesetz über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften (Sprachengesetz) kommt der Wille zur Erhaltung der Viersprachigkeit des Landes und zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts auch explizit zum Ausdruck. Das Sprachengesetz gibt den Rahmen für das sprachpolitische Engagement des Bundes vor. Es wird konkretisiert durch die Sprachverordnung, die seit dem 1. Juli 2010 vollständig in Kraft ist.

Miteinander statt nur nebeneinander

Sehr geehrte Damen und Herren

Gesetze und Verordnungen bilden einen notwendigen Rahmen der Sprachpolitik. Aber Verständigung und Zusammenleben kann nicht staatlich verordnet werden. Der Austausch zwischen den Kulturen und Sprachen muß von den Menschen gelebt werden. Das friedliche Nebeneinander verschiedener Sprachen und Kulturen ist zwar eine beachtliche Leistung. Wir dürfen uns damit aber nicht zufriedengeben.

Wichtig ist der Austausch zwischen den Sprachen und Kulturen. Dieser Austausch ist das Lebenselixier der kulturellen und sprachlichen Vielfalt der Schweiz. Es ist ganz einfach: Ohne Interaktion keine Vielfalt. Dagegen fördert das aktive Zusammenleben die Vielfalt der Sprachen und Kulturen und stärkt gleichzeitig die Einheit.

Das Fest der „convivenza“ bezweckt diesen Austausch. Und das heutige Fest ist auch eine gute Gelegenheit darüber nachzudenken, was getan werden kann, damit aus dem kulturellen und sprachlichen Nebeneinader vermehrt ein Miteinander wird. „convivenza“ muß von den Menschen gelebt werden. Das kann anstrengend sein, weil man sich mit anderen Sprachen und Kulturen auseinandersetzen muß. Das setzt Neugierde voraus, sich auf Fremdes einzulassen. Der „Lohn“ dieser Anstrengung ist die kulturelle Bereicherung und Horizonterweiterung; die Chance, über die Berge zu schauen.

Die Schweiz wird als viersprachiges Land dargestellt. Das ist zweifellos richtig, sofern wir lediglich die offiziellen Landessprachen betrachten. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die Schweiz ist ein viersprachiges Land. In Tat und Wahrheit ist sie aber ein vielsprachiges Land. Wenn wir also vom gesellschaftlichen Zusammenleben, von „convivenza“ sprechen, dann müssen wir dies bedenken und dürfen jene Menschen nicht vergessen, deren Muttersprache keine der vier Landessprachen ist. Und ich meine damit nicht nur Englisch.

Ich spreche damit die Integrationspolitik an. In diesem Bereich wurde in den letzten Jahren bereits einiges getan. Die Anstrengungen in diesem Bereich müssen aber verstärkt und die Integrationspolitik muß systematisiert werden, damit aus dem Nebeneinander der schweizerischen und ausländischen Wohnbevölkerung vermehrt ein Miteinander wird.

Eine wichtige Rolle bei der Integration spielt dabei die Sprache. Das Erlernen einer Landessprache ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration. Ich habe in diesem Zusammenhang mit Interesse vom Integrationsprojekt „Piripiri“ des Kantons Graubünden und der Lia Rumantscha Kenntnis genommen.

Dieses Projekt bezweckt die bessere Integration der Portugiesen – die zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe in Graubünden. Die Teilnehmenden lernen Rätoromanisch und werden mit der Kultur vertraut gemacht. Der Nutzen dieses Ansatzes ist offensichtlich und gegenseitig: Die Portugiesen helfen das Rätoromanische zu erhalten und das Rätoromanische entwickelt sich zu einem Instrument der Integration.

Das ist ein interessanter integrationspolitischer Ansatz, zu dem ich den Kanton und die Lia Rumantscha beglückwünschen möchte.

Meine Damen und Herren

Lassen Sie mich zurückkommen auf die Förderung des Rätoromanischen und des Italienischen.

Eine der Kernaufgaben im Bereich der Sprachförderung des Bundes bilden die Finanzhilfen an den Kanton Graubünden für seine Bemühungen um die Förderung des Rätoromanischen und des Italienischen, sowie für die Förderung der italienischen Sprache und Kultur im Kanton Tessin. Gemeinsam mit dem Kanton Graubünden unterstützt der Bund die Sprachorganisationen Lia Rumantscha, Pro Grigioni Italiano und die Agentura da Novitads Rumantscha.

Mit dem Inkrafttreten der neuen Sprachenverordnung leistet der Bund auch Finanzhilfen an die mehrsprachigen Kantone für die Wahrnehmung der besonderen sprachpolitischen Aufgaben. Damit kann der Bund über seine bisherige Tätigkeit hinaus einen zusätzlichen Beitrag zur Spracherhaltung leisten. Er kann die gesellschaftliche und individuelle Mehrsprachigkeit sowie den Austausch zwischen den Sprachgemeinschaften fördern.

Die institutionelle und finanzielle Förderung der Mehrsprachigkeit durch Gesetze, Verordnungen und den Einsatz von finanziellen Mitteln sind wichtig. Damit lässt sich die Sprachentwicklung aber nur beschränkt beeinflussen.

Von entscheidender Bedeutung ist das individuelle Sprachverhalten. Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit ist auf individuelle Mehrsprachigkeit angewiesen: Die Stärke der Mehrsprachigkeit der Schweiz kommt erst dann richtig zum Tragen, wenn die Menschen mehrsprachig sind und sich in mehreren Sprachen ausdrücken können.

Insbesondere die Rätoromanen gehen hier mit gutem Beispiel voran. Denn die meisten unter ihnen sind mindestens zweisprachig. Der vom Radio Rumantsch geprägte Slogan „tgi che sa rumantsch sa dapli“ bringt die Vorteile der Mehrsprachigkeit auf den Punkt. Wer Rätoromanisch (beziehungsweise mehrere Sprachen spricht), kann mehr. Lernen Sie also Sprachen, lernen Sie Rätoromanisch und spielen Sie die Stärke der Mehrsprachigkeit aus!

Sehr geehrte Damen und Herren

Im Rahmen des Harmos-Konkordats haben die Kantone sich für eine neue, landesweit anzuwendende nationale Strategie zur Weiterentwicklung des Sprachenunterrichts in der Schweiz ausgesprochen. Diese Strategie hat die Förderung der individuellen Sprachkompetenzen zum Ziel, wobei das Erlernen der Landessprachen der Schlüssel für die gegenseitige Verständigung darstellt.

Ich wünsche mir, dass sich die Jugendlichen auf ihrem Bildungsweg die erforderlichen Sprachkompetenzen aneignen können, die ihnen erlauben, sich auch in Zukunft miteinander über die Sprachgrenzen hinweg in den Landessprachen zu verständigen. Dies soll sie nicht davon abhalten, auch Englisch zu lernen. Ich bin mir aber zugleich auch bewußt, daß die sprachlichen Minderheiten in unserem Land den weit größeren Beitrag für die interkulturelle Kommunikation leisten, ja leisten müssen, damit sie im beruflichen Alltag – oft in einer Zweitsprache – ihre Chance wahrnehmen können. Aber, wie soeben erwähnt, ist die Mehrsprachigkeit ein nicht zu unterschätzender Vorteil auf dem Arbeitsmarkt.
Schulischen Austausch fördern

Gerne benütze ich die Gelegenheit, um konkret auf die Sprachpolitik des Bundes einzugehen. Mit dem neuen Sprachengesetz und der Sprachenverordnung hat der Bund den Auftrag, den schulischen Austausch zu fördern. Der Bund leistet daher Finanzhilfen an die ch Stiftung für ihre Grunddienstleistungen im Rahmen der Organisation und Entwicklung des Jugendaustauschs zwischen den Sprachregionen.

Ziel ist die Verdoppelung der Zahl der Austauschprojekte innerhalb der nächsten fünf Jahre. Somit sollen sich jährlich etwa 30’000 Jugendliche an Austauschprojekten beteiligen können. Ich wünsche mir, dass auch die Schulverantwortlichen im Kanton Graubünden von der Möglichkeit des binnenstaatlichen schulischen Austauschs Gebrauch machen.

Profitieren Sie von der Möglichkeit, andere Sprachregionen des Landes und ihre kulturelle Besonderheit kennen zu lernen. Geben Sie anderseits den Jugendlichen anderer Sprachregionen die Möglichkeit, Einblick in den schulischen und gesellschaftlichen Alltag, in die kulturelle und sprachliche Vielfalt Ihres Kantons und nicht zuletzt auch in Ihre wunderbare Bergwelt zu bekommen. Damit sind bleibende Erlebnisse zu gewinnen. Es werden zwischenmenschliche Beziehungen geknüpft. Der verständigungspolitische Gewinn stellt sich von selbst ein.

Ein weiteres Beispiel der Sprachförderung des Bundes ist die angewandte Forschung im Bereich der Mehrsprachigkeit. Der Bundesrat hat diesen Auftrag dem Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg und der Pädagogischen Hochschule Freiburg übertragen.

Der Auftrag beinhaltet auch die Bildung eines Netzwerks von Forschungsinstitutionen aller Sprachregionen des Landes, die sich mit angewandter Forschung zur Mehrsprachigkeit befassen. Damit wird auch den Bedürfnissen des Kantons Graubünden Rechnung getragen. Der dreisprachige Kanton bietet sich geradezu als ideales und reichhaltiges Forschungsfeld an.

Meine Damen und Herren

Ich wünsche den drei Sprachorganisationen, die sich heute zur „convivenza“ zusammen gefunden haben, weiterhin viel Erfolg in ihrer sprachlichen und kulturellen Tätigkeit. So wie die Organisationen den Dialog miteinander pflegen, öffnen sie sich über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus. Denn der Wert des Alpenraums liegt in der Vielfalt der einzelnen Kulturen.

Ich möchte Sie ermutigen, zwischen den alpinen Kulturen Brücken zu bauen, den Dialog zu fördern und die kulturelle Vielfalt weiter zu entwickeln.

Das Zusammenleben, die „convivenza“ soll im Zeichen der Freiheit und der gegenseitigen Verantwortung stehen. Ich hoffe, dass die heutige „festa da convivenza“ ein Wahrzeichen hierfür wird. Wie die Berge, die Wahrzeichen der Freiheit und Verantwortung sind.

Vi ringrazio per il vostro impegno.
Grazcha per voss’attenziun.