| Die Schweizer Zeitung
Monday December 18th 2017

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Mit Steuergeldern neue Toilette für Hindus und Muslime +++ Bei Fördergeldern leer ausgegangen

Weltweit haben 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu einer anständigen Toilette. Eine Mannschaft aus Schweizer Wasserforschern und Gestaltern aus Österreich hat nun im Wettbewerb «Re-Invent the Toilet» einen Anerkennungspreis gewonnen. Weitere Gelder gehen jedoch nur an drei andere Projekte.

Ausgeschrieben hat den Preis die Bill and Melinda Gates-Stifung. Für weniger als fünf Rappen pro Tag und Person soll das neue Toilettenmodell eine menschenwürdige, hygienische, umweltfreundliche und auch wirtschaftlich interessante Sanitärversorgung sicherstellen.

Neue Toilette mit Steuergeldern entwickelt (Foto EAWAG). Wie viele Millionen in die Entwicklung des Projekts flossen, das von der Gates-Stiftung abgelehnt wurde, wird in der Mitteilung nicht kommunziert.

Neue Toilette mit Steuergeldern entwickelt (Foto EAWAG). Wie viele Millionen in die Entwicklung des Projekts flossen, das von der Gates-Stiftung abgelehnt wurde, wird in der Mitteilung nicht kommunziert. Ob das neue Klo je irgendwann irgendwo benutzt wird, ist zudem auch ungewiß.

22 Universitäten und Forschungsanstalten hat die «Bill and Melinda Gates Foundation» 2011 für die  «Re-Invent the Toilet Challenge» (RTTC) angeschrieben. Ziel des Wettbewerbs: Erfindet die Toilette der Zukunft!

Die Schweiz ging bei den Fördergeldern der Stifung leer aus. Es wurden drei andere Projekte gefördert.

Die Bedingungen der Ausschreibung, an welcher die Schweiz mit Steuergeldern teilnahm: Das neue Klo soll ohne Kanalisation und Fremdenergie auskommen, in Stoffkreisläufe eingebaut sein und darf nicht mehr als fünf Cents pro Tag und Person kosten. Ende 2011 waren noch acht Mannschaften im Rennen, darunter auch ausländische US-Institute wie das Massachusetts Institute of Technology in Boston oder das California Institute of Technology.

Gestern konnten sie alle ihre Projekte in Seattle (USA) vorstellen. Das Team des Schweizer Wasserforschungsinstituts Eawag und des Gestaltungsbüros EOOS aus Wien hat es unter die besten geschafft: Die «diversion»-Toilette wurde von der Stiftung für ihre herausragendes Gestaltung mit einem speziellen Anerkennungspreis und 40‘000 US Dollar ausgezeichnet.

Toilette ist auch kleines Wasserwerk

Die Projektleitung lag in den Händen der Verfahrensingeniörin Tove Larsen. Seit Jahren befaßt sie sich an der Eawag mit der Separierung von Urin und Fäkalien. «Es lag auf der Hand, die Trenntechnologie auch für das Wettbewerbsmodell einzusetzen», sagt Larsen, «nur sie erlaubt die effiziente Rückgewinnung der wertvollen Rohstoffe aus Urin und Fäkalien und eine einfache Wiedergewinnung von Wasser.».

Eine in allen Kulturkreisen und von allen Benutzern akzeptierte Trenntoilette gibt es aber noch nicht. Also mußte sie entwickelt und gestaltet werden, so das staatliche Schweiezr EAWAG. Herausgekommen ist ein modernes Steh-Klo. Das Besondere daran ist nicht nur die separate Ableitung des Urins und ein raffinierter Geruchsverschluß. Vielmehr steht im Modell «diversion» des Eawag-EOOS auch ein wenig Wasser zur Verfügung, ungefähr ein bis anderthalb Liter pro Toilettenbenutzung.

«Das ist absolut entscheidend für die Reinigung des Klos, das Händewaschen und die von Muslimen und Hindus praktizierte Analhygiene mit Wasser», sagt Larsen.

Einen Wasseranschluß braucht die neue Trenntoilette trotzdem nicht. Jedesmal, wenn ein Benutzer mit dem Fußpedal Wasser in das kleine Wasserreservoir pumpt, wird hinter der Toilette nämlich auch verbrauchtes Wasser hochgepumpt. Dieses wird dann über einen Membranfilter gereinigt. Eine einfache, solarbetriebene Elektrode sorgt außerdem via Elektrolyse dafür, daß dieses Brauchwasser garantiert frei ist von Krankheitskeimen.

Ein Geschäftsmodell für das Geschäft

Für Tove Larsen ist nicht nur die neue Technologie in der Toilette entscheidend. «Wichtig ist, daß unsere Toilette eingebaut ist in ein ganzes Sanitärsystem, das von Einheimischen betrieben werden kann – kostendeckend oder sogar mit einem Gewinn.» Das Eawag-EOOS-Team hat daher viel investiert in die Untersuchung und Entwicklung einer Transportlogistik, welche an die Verhältnisse in den blühenden Hüttensiedlungen der Entwicklungsländer angepaßt ist.

Ein modulares System von selbstschließenden Fäkalienkontainern und Urinfässern mit Fahrzeug macht die Sammelreise effizient und hygienisch ebenso sicher wie die Toilette selbst. Schließlich habe sich die Forschenden auch bereits zurecht gelegt, wie in semi-zentralen Behandlungsanlagen Urin und Fäkalien kontrolliert zu verkäuflichen Produkten verarbeitet werden können, also zum Beispiel in Dünger und Biogas. So ist ein ganzes Geschäftsmodell entstanden für die «diversion»-Toilette, eine Art Vertragswerkeln: Ein einheimischer Unternehmer vermietet die Toiletten den Benutzern, verwaltet die Sammelreisen, betreibt die Behandlungs- und Aufbereitungsanlage und verkauft deren Produkte.

Herausforderung steht noch bevor: Noch mehr Steuergelder nötig

Das Preisgeld von 40‘000 USD der «Bill and Melinda Gates Foundation» ist Lohn und Lob für das Forschermannschaft. Ausruhen auf den Lorbeeren können sich die Ingeniöre, Techniker, Sozialwissenschaftler und Gestalter aber nicht. Bis jetzt haben sie nachgewiesen, daß ihr System funktionieren könnte. Nun müssen echte Prototypen der Toilette gebaut und getestet werden.
Das ist bis Ende 2013 geplant.
Eine gesicherte Finanzierung fehlt allerdings noch, drei namhafte Zuschüsse der Gates-Foundation gingen an andere Projekte. Bis die «diversion»-Toilette, die Sammelfahrzeuge und die Verarbeitungsanlagen also weltweit in großen Stückzahlen im Einsatz stehen, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Für Larsen steht aber heute schon fest: «Ob sich unser System wirklich durchsetzen kann, hängt davon ab, wie gut unser Geschäftsmodell ist. Keine Lösung, die permanent auf Subventionen angewiesen ist, wird langfristig funktionieren.»