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Wednesday November 22nd 2017

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Ländliche Räume, Agglomerationen und Städte kohärent entwickeln

Ländliche Räume, Agglomerationen und Städte kohärent entwickeln. (Symbolbild)

Ländliche Räume, Agglomerationen und Städte kohärent entwickeln. (Symbolbild)

Hier die urbanen Wachstumsmotoren, dort der ländliche Erholungsraum: Diese holzschnittartige Zweiteilung der Schweiz greift zu kurz. Stattdessen braucht es eine differenzierte Gesamtsicht der zunehmend verflochtenen Beziehungen zwischen den verschiedenen Räumen, wie sie der Bundesrat in mehreren neuen Berichten vorlegt. Aus diesem Anlass geht auch die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift «Forum Raumentwicklung» des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE) dem Verhältnis zwischen Stadt und Land nach. Dabei wird klar: Es braucht eine kohärente Raumentwicklungspolitik, um die unterschiedlichen Bedürfnisse und vielfältigen Abhängigkeiten in Einklang zu bringen.

Gleich drei wegweisende Berichte verabschiedete der Bundesrat in der ersten Jahreshälfte 2015: Die «Politik des Bundes für die ländlichen Räume und Berggebiete», die «Agglomerationspolitik 2016+» und die «Botschaft über die Standortförderung 2016 – 2019». Die Koinzidenz ist kein Zufall: Mit den beiden Politiken und der Botschaft reagiert der Bundesrat auf die vielschichtigen räumlichen Herausforderungen, die sich in den ländlichen Räumen und Berggebieten häufig anders stellen als in den Städten und Agglomerationen. Im urbanen Raum stehen Themen wie der internationale Standortwettbewerb, die Segregation, der zunehmende Druck auf das Kulturland sowie eine kompakte und qualitativ hochwertige Siedlungsentwicklung in Abstimmung mit dem Verkehr im Vordergrund. Für die ländlichen Räume dagegen sind andere Faktoren ausschlaggebend: der Innovationsdruck im Tourismus, die Erhaltung der hohen Natur- und Landschaftswerte, der Strukturwandel in der Landwirtschaft, die Gewährleistung der Grundversorgung und die Konzentration von Arbeitsplätzen in den gut erschlossenen Talböden. Diesen Gegensätzen, aber auch den gemeinsamen Herausforderungen, geht die neue Ausgabe des «Forums Raumentwicklung» auf den Grund.

Ein historischer Rückblick zeigt auf, dass das holzschnittartige Deutungsmuster eines klaren Stadt-Land-Gegensatzes obsolet geworden ist: Gerade die Massen der Pendler, die sich täglich im ehemals ländlichen, voralpinen Raum zwischen Wohn- und Arbeitsort hin- und herbewegen, zeigen, dass die enge Verflechtung von Stadt und Land für das Verständnis der heutigen Schweiz viel zutreffender ist als die überkommenen Bilder aus dem letzten Jahrhundert. Zunehmend sind denn auch die traditionellen Vorteile der Stadt punkto Produktionsfaktoren, Güterangebot und Dienstleistungen geschrumpft. Gleichzeitig konnten sich die Agglomerationen als Wirtschaftsstandort von den urbanen Zentren emanzipieren. Die These des Artikels: Die Schweiz bedarf einer neuen Deutung. Diese Sicht wird auch vom Raumkonzept Schweiz unterstützt, mit dem die verschiedenen Staatsebenen Szenarien zur räumlichen Zukunft präsentierten, die föderalistische und geografische Trennlinien überwinden. Vorgeschlagen wird eine räumliche Gliederung des Landes nach funktionalen Zusammenhängen.

Über die Kantonsgrenzen hinaus denkt auch Mario Cavigelli. Der Bündner Baudirektor und Präsident der Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK) erklärt im Interview, welches die brennenden Zukunftsfragen im Alpenraum sind. Die Alpen würden dank ihrer Symbolkraft oft mit der Schweiz an sich gleichgesetzt. In Wirklichkeit stellten sich dem Berggebiet aber ganz andere Herausforderungen als dem urbanen Mittelland. Umso wichtiger sei es für die alpinen Kantone, überregional zu denken, die Probleme gemeinsam anzugehen und dabei auf die eigenen Ressourcen zu vertrauen, so Cavigelli.

Einen originellen Fokus wählt in einem anderen Artikel Olivier Crevoisier, Professor für räumliche Wirtschaft an der Universität Neuenburg. Aufgrund seiner Studien kommt er zum Schluss, dass die produktiven Aktivitäten in den Regionen der Schweiz nicht mehr der wichtigste Motor für die Einkommensentwicklung seien. Die wohlhabendsten Räume seien vielmehr jene, denen es gelingt, hohe Einkommen anzuziehen und lokale Dienstleistungen rund um Wohnen und Freizeit aufzubauen.

Wie eng Raumplanung und wirtschaftliche Entwicklung zusammenhängen, zeigt eine Reportage aus dem Wallis. Im Binntal stossen traditionelle Siedlungsstrukturen unvermittelt auf wuchernde Ferienhaussiedlungen. Gebaut wurde viel, geplant meist zu spät. Nun versucht die Region mit einem Modellvorhaben, kreative Lösungsansätze für die Verdichtung im ländlichen Raum zu finden.

Forum Raumentwicklung Nr. 2/15 «Ländliche Räume und Berggebiete – Chancen einer räumlich kohärenten Entwicklung» kann schriftlich beim BBL, 3003 Bern zum Preis von Fr. 10.25 inkl. MwSt (Jahresabonnement: Fr. 30.70 inkl. MwSt) bestellt werden. Abdruck einzelner Artikel mit Quellenangabe erwünscht.