| Die Schweizer Zeitung
Saturday November 25th 2017

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Insektizide lassen Gewässerorganismen verhungern

Flußkrebse sterben genauso wie Bienen an Insektiziden...

Überall setzt man auf weniger Schadstoffe (schadstoffarme Autos z. B.), woanders verteilt der Mensch bewußt Schadstoffe in der Natur: Flußkrebse sterben genauso wie Bienen an Insektiziden…

Insektizide sollen die Ernteerträge erhöhen, aber die Chemikalien bewirken das Gegenteil. Die Gier zur Profitmaximierung zahlt sich nur kurzfristig aus:

Nicht nur die Bienen, sondern auch Gewässerorganismen werden von Neonicotinoid-Insektiziden beeinträchtigt. Die gutlöslichen Stoffe führen dazu, daß die Kleintiere auch bei geringen, aber anhaltenden Konzentrationen im Wasser absterben.

Ende April hat die EU-Kommission den Einsatz von Nervengiften der Neonicotinoid-Gruppe für zwei Jahre stark eingeschränkt. Das schweizerische Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) zieht am gleichen Strick und setzt die Bewilligung für drei Insektizide zur Behandlung von Raps- und Maisfeldern aus.

Grund für die Maßnahme sind die Hinweise, daß Neonicotinoide als Bienengift wirken und mitverantwortlich sind für das Bienensterben.
Dauerbelastung als Problem

Jetzt zeigt eine heute im Fachmagazin PLOS ONE (Public Library of Science) veroeffentlichte Studie der Eawag, dass dieselben Insektizide auch auf wirbellose Kleintiere im Wassser toxisch wirken. Die beteiligten Forscher haben dazu einheimische Bachflohkrebse (Gammariden) sowohl erhöhten Puls-Konzentrationen als auch schwachen Langzeitkonzentrationen ausgesetzt.

Kurzzeitige Belastungsspitzen treten typischerweise auf, wenn während oder kurz nach einer Anwendung der Mittel auf den Feldern Regen fällt und ein Teil der gut löslichen aber schwer abbaubaren Stoffe in Oberflächengewässer abgeschwemmt wird. Interessanterweise konnten die kurzen, maximal einen Tag dauernden Spitzen den Organismen weniger anhaben als eine deutliche tiefere, aber über mehrere Tage oder Wochen anhaltende Konzentration.

Während sich die Tiere nach dem Durchgang einer Schadstoffwelle im wieder sauberen Wasser relativ rasch erholen, verhungern sie nach 14 Tagen bis drei Wochen. Dies, weil das Nervengift Fortbewegung und Nahrungsaufnahme der Tiere stört.

Klassische Toxizitätstests versagen

Der Effekt des langsamen Verhungerns unter einer zwar relativ geringen aber andauernden Belastung mit Neonicotinoiden wird in üblichen Toxizitätstest nicht erfaßt, weil diese nicht über mehrere Wochen durchgeführt werden. Zudem hat die Studie aufgedeckt, daß es entscheidend sein kann, zu welcher Jahreszeit und aus welcher Umgebung die Testtiere entnommen werden.

Denn ihre Fitneß und ihre Fettreserven beim Start der Tests wirken sich stark auf die Resultate der Versuche aus. Um solche Effekte auszuschließen und um genauer zu klären, welche zusätzlichen Vorgänge nebst dem Verhungern die Überlebensrate der Gewässerorganismen beeinflussen, hat die Mannschaft auch ein mathematisches Modell entwickelt.

Dieses erlaubt nun Vorhersagen, welche Konzentrationen über wie lange Zeit für die Organismen schädlich sind.