Die Schweizer Zeitung
Samstag Mai 26 2018

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Digitalisierung: Ignazio Cassis lebt im Vorgestern

Überall ist die Rede von Digitalisierung.

Grußwort von Bundesrat Ignazio Cassis anläßlich der Generalversammlung der NZZ-Mediengruppe (Ausriß):

Bange Frage eines passionierten Zeitungslesers, der ich bin:

Wie lange kann ich solche Artikel noch auf Zeitungspapier lesen?

Wie lange gibt es die NZZ noch in gedruckter Form?

10 Jahre, 20 Jahre?

25 Jahre?“

Können Sie sich vorstellen, daß mancher Pferdkutschenfän sich bei Aufkommen des Autos die Frage stellte, ob 10 Jahre, 20 Jahre oder 25 Jahre er noch die Pferdekutsche nehmen kann?

Das archaische Ritual, Bäume zu fällen, um Papier aus ihnen zu machen, um dann Informationen auf dieses Papier zu drucken, ist vorbei bzw. geht gerade vorbei.

Genauso wie heute nicht mehr in Stein gemeißelt wird, wenn man was verkünden will.

Es passiert nicht über nacht, aber es passiert

Das passiert nicht über Nacht, nicht an einem Tag, genausowenig wie damals über Nacht die Pferdekutschen (die im Übrigens schneller waren als die heutige Postfinance, das nur nebenbei zum Thema Digitalisierung und Staatskonzerne…) von den Straßen verschwanden.

Und es heißt natürlich nicht, daß es auch heute noch einige Leute gibt, die die Kutsche mögen. Oder heißt nicht, daß nicht auch Leute (die Digitalfirmeninhaber sind wie ich) nicht alte Bücher sammeln dürfen und nicht gerne ein Buch aus Papier in die Hand nehmen dürfen.

Aber sich Sorgen machen über Digitalisierung? Sich Sorgen machen als der gleiche Bundesrat, der wenige Tage vor dem obigen Zitat noch fordert, daß die „Schweiz weltweite Führerin in Digitalisierung werden muß“ (siehe unten), daß man irgendwann die NZZ nicht mehr in Papier serviert bekommt?

Und im Übrigen ist es doch viel praktischer, wenn man Zeitungsartikel nicht mehr – so wie ich es füher noch tat – ausriß / ausschnitt und abheftete in Ordnern. Wenn sie interessante Inhalte enthielten. Heute speichert man sie einfach auf einer Festplatte. Spart sehr viel Platz die Digitalisierung. Viele Ordnerregale weniger.

Andere Sorgen…

Wenn ich solche Zitate über Sorgen von einem Bundesrat lese, entstehen bei mir andere Sorgen:

  • Wie steht es um die Vielfalt der Medien, die – Zitat Cassis in der gleichen Ansprache! – Zwillinge der Demokratie sind? Warum werden digitale Medien nicht gefördert, während die alten Rosse, die Papierzeitungen, massenhaft Millionen-Franken-Förderungen erhalten?
  • Wie steht es um die Digitalisierung der Schweiz? (siehe, vgl. Estland)
Sich Sorgen machen, wielange es die NZZ noch in Papierform gibt und gleichzeitig zu fordern, daß die Schweiz "weltweite Führerin in Digitalisierung" werden solle, das ist ganz schön schizo

Sich Sorgen machen, wielange es die NZZ noch in Papierform gibt und gleichzeitig zu fordern, daß die Schweiz „weltweite Führerin in Digitalisierung“ werden solle, das ist ganz schön schizo

Was bedeutet die Rede wenige Tage zuvor? Wußte er, was er sprach?

Und was bedeutet es, wenn der gleiche Mann, dessen Worte ich oben zitiert habe (kursiv / fett) dann diese Worte wenige Tage vorher von sich gegeben hat in Lugano an der Digitale21, diese Worte von sich gibt?

„Was aber kann die Schweiz konkret tun, damit sie weiterhin hervorragende Leistungen erbringen und sogar eine führende Rolle im vielversprechenden Bereich der Digitalisierung übernehmen kann?

Heute abend möchte ich über diesen Traum sprechen:

Die Schweiz wird weltweite Führerin im Bereich der digitalen Gouvernanz. Damit könnte unser Land seine Rolle als internationale Plattform festigen.“

Na, ganz sicher wird die Schweiz weltweite Führerin in Digitalisierung mit einem Bundesrat, dessen große Sorge es ist, wielange er die NZZ noch in Papierform lesen darf.

Ganz sicher.

Weiß Cassis eigentlich, wie er sich da widerspricht? Liest er die Reden vorher?

Entweder schreibt Cassis seine Reden nicht selber und hat gar nicht gemerkt, wie er sich bei den beiden wenige Tage auseinanderliegenden Anlässen widerspricht.

Oder er ist – mit Verlaub – doch einigermaßen schizophren?

Oder man müßte ihm ansonsten Unehrlichkeit und Doppelzüngigkeit unterstellen.

Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde.

Remo Maßat

Weiterführendes zum Thema:

Bündner Regierung – Im Internet noch nicht angekommen